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Tanz



Tribal Dance
Interview mit Samira Habibi


Das Interview führte Ulrike-Zeinab Asakri

Samira, was ist Tribal eigentlich genau?
Es ist ein absoluter Phantasietanz, der in den 60er Jahren in Amerika entstanden ist. Man suchte eine Auftrittstanzform, die man auf Märkten, unseren Mittelaltermärkten vergleichbar, tanzen kann. Es wurde dann irgendetwas Künstliches zusammen zusammengesetzt und das war der Grundstock für den Tribal Dance. Man nannte das "Elemente der verschiedensten ethnischen Gruppen", vor allem vom Kostüm her, mittlerweile auch musiktechnisch und fügt das irgendwie zusammen und das ist dann Tribal.
Der Begriff "Tribal Style Belly Dance" stammt aus den 60er/70er Jahren, als "in Kalifornien ein Bedarf nach Tänzen entstand, die aussahen, als wären sie von alten Stämmen (Tribe = Stamm) so wie sie reisende Emigranten vor 400 Jahren in Amerika getanzt haben könnten." So stand es einmal in der TanzOriental. Die große Jamila Salimpour gab sich größte Mühe mit "lebendigen Traditionen und Zeitzeugen aus früheren Jahrhunderten, aus Miniaturen, Gemälden und Grafiken ein Repertoire an Tribal-Tänzen für eine Show zusammen zu stellen."
Das sagt eigentlich alles. Sie kreierte etwas anhand von Bildern. Das war der eigentliche Ursprung des Tribal Dance. Die Fat Chance Belly Dance Gruppe hat dann alles ein bisschen mehr kultiviert und dann ist es nach Europa, nach Deutschland rübergeschwappt.

Ich habe auf Deiner Seite gelesen, dass der Tribal möglicherweise schon vor 40 Jahren in Amerika entstanden ist. Damals gab es bei uns ja auch schon diese Mittelalterszene.
Ja, die gab es, da wurde aber nicht versucht, etwas zu fusionieren, sondern wirklich die alten überlieferten Tänze wieder aufleben zu lassen und weiter zu tanzen.

Wodurch unterscheidet sich der Tribal Style Dance vom orientalischen Tanz?
Durch die Definition, durch das Kostüm, durch die Musik usw. Aber vor allen Dingen - das ist leider Gottes bei vielen Gruppen heute nicht mehr, ich bin eine der wenigen, die das wirklich noch durchführt, dass man diesen Tribal Dance auch tanzen kann ohne Choreographie, mit Zeichen und manchmal sind auch Laute entwickelt worden, so dass die Gruppe genau weiß, jetzt kommt das oder jetzt kommt das: nach rechts, nach links, nach vorne oder wie auch immer. Ich kann mit meiner Gruppe zu irgendeiner Musik auftreten, egal was, wenn es nicht gerade ein 9/8-Rhythmus ist. Also ein gerader Rhythmus und dann sieht es immer aus, als ob wir eine Choreographie tanzen würden, tun wir aber nicht. Das hängt natürlich auch damit zusammen, dass wir uns jetzt schon so lange kennen. Da braucht man nur mit dem Finger zu zucken, dann wissen die schon, was ich will. Aber ich könnte das auch mit fremden Gruppen machen. Also, wer die Grundlagen nach Fat Chance gelernt hat so wie eigentlich alle Gruppe, alle Stämme angefangen auf der ganzen Welt, mit dem könnte ich zusammen tanzen, selbst mit einer Tribal Gruppe aus Japan. Das wäre ohne weiteres möglich, wenn ich mich an die Originalsprache halte und keinen Dialekt einführe. Das ist auch etwas ganz Wichtiges.

Dazu gehört jetzt meine Frage, ob man Tribal tanzen kann, ohne Kenntnisse im orientalischen Tanz.
Ja, ich sage ja. Die Damen haben es dann etwas schwerer, vor allem weil einige Bewegungen auch aus dem orientalischen Tanz kommen. Z. B. "stehende Achten", also Hüftschleifen, die weichen, weiblichen Bewegungen, die können natürlich gelernte orientalische Tänzerinnen manchmal wesentlich besser ausführen als eine, die ganz neu dazu gekommen ist. Ich habe in meinem Stamm auch eine, die früher mit orientalischem Tanz absolut nichts zu tun hatte. Die hat sich mittlerweile wunderbar eingefügt. Das war überhaupt kein Problem.

Zu den Stämmen noch mal, wie kam es zu der Bezeichnung? Warum nennt es sich eigentlich "Tribal"?
Wegen dieser Mittelaltergeschichte. Man hat ja damals etwas Ursprüngliches gesucht. Ich denke da - das kommt mir jetzt so ganz spontan - an Indianerstamm. Amerika - Indianer - Stämme. Da hat auch jeder Stamm eine eigene "Mode" oder Bemalung oder wie auch immer.

Also eigene Kennzeichen, eigene Traditionen?
Das ist auch so etwas Besonderes. Beim Tribal bildet sich eine ganz feste Gruppe. Es ist anders als im orientalischen Tanz. Wenn eine dazu kommt, der pappt man die Choreographie hin und die Musik und sagt, jetzt lern das. Und dann kriegt sie ihren Platz und basta. Beim Tribal Stamm geht das so nicht so ohne weiteres. Wenn die Frauen eine zeitlang zusammen sind, dann entsteht da etwas unter ihnen. Das erlebe ich jedes Mal wieder. Es gibt natürlich auch Gruppen, da entsteht gar nichts. In der Regel ist es so, dass etwas entsteht. Dann sind die Frauen eine eingeschworene Gemeinschaft. Dann überlegen sie auch: Wie zeichnen wir uns jetzt gegenüber anderen Stämmen aus - mittlerweile gibt es ja eine ganze Menge. Was machen wir mit unseren Kostümen, um etwas anders auszusehen oder wie machen wir die Bemalungen? Machen wir uns alle Punkte oder Striche oder wie auch immer? Ganz wichtig auch, wie nennen wir uns. Das ist fast noch wichtiger als im orientalischen Tanz: Die Gruppe Sowieso Sowieso. Das ist dann halt die Gruppe. Aber hier, mein Hauptstamm heißt Ganesh. Also, das sind die Ganeshas. Das ist etwas ganz Festes, ganz Eigenes.

Ja, jetzt hast du auch schon die nächste Frage mit beantwortet nach den Stammeszeichen und den Tattoos.
Also, wir Ganeshas haben einen stilisierten Elefantenkopf als Stammeszeichen. Das hat sich mal so ergeben. Da hatte ich mal eine Idee, ein Elefant, und jetzt ist das so ein Kringel mit einem Punkt drin. Aber jede Gruppe überlegt sich da etwas. Ich habe einen zweiten Stamm, der ist jetzt seit einem Jahr zusammen. Die haben sich vor zwei Wochen den Namen "Nakanja" gegeben. Das ist eine indische Schlangengöttin, die steht auch für die Behüterin des Wassers, der Frauen sowieso. Sie hat einen Frauenoberkörper und einen Schlangenunterleib. Da haben die Mädels schon gesagt, da können wir uns wunderbar irgendwelche Schlangen aufzeichnen.

D. h. also, die Gruppe sucht sich selbst den Namen und die Zeichen dazu?
Ja, also erst gibt es ein paar Frauen, dann entsteht eine Gruppe bzw. ein Stamm und irgendwann kommt dann unwiderruflich die Frage, "Wie nennen wir uns"? Dann haben wir uns erst einmal einen Arbeitsnamen gegeben und dann kommt da plötzlich ein an, "Ich hab' da was entdeckt" und schon sind alle dabei und sagen, "Das ist es!" Dann haben die ihren Namen und dann geht es direkt los, wie geht das mit den Zeichen, wie sollen wir uns darstellen, was malen wir uns ins Gesicht, um zu sagen, wir sind die Nakanjas.

Was mir beim Surfen aufgefallen ist, es gibt ja schon richtig viele Stämme, die sich auch spezialisieren auf alles Mögliche. Sei es Mittelalter, sei es Nordafrikanisch, Afrikanisch, Indisch, Zigeuner oder was auch immer. Und dann haben sie auch Stammeszeichen, Tattoos, Kostüme usw. entsprechend der Spezialisierung?.
Ich mache ja diese Tribal Show. Die Idee für diese Show ist mal bei einem Tribal Treff entstanden. Erst hielt ich eine reine Tribal Show für zu langweilig. Vor fünf Jahren wäre es das auch gewesen, weil im Prinzip alle, bis auf ganz wenige Ausnahmen, ähnliche Kostüme angehabt hätten, also alle sehr mittelalterlich, mit Turban und ganz viel Schmuck usw. und auch alle wahrscheinlich ähnliche Musik gehabt hätten. Es wäre alles irgendwie gleich gewesen. Dann ging eine rasante Entwicklung los. Jeder überlegte sich, wie kann ich mich da absetzen von dem Stamm sowieso oder von den Normalstämmen. Deswegen habe ich dann auch gewagt eine Tribal Show zu machen. Es ist wirklich Wahnsinn, was sich da entwickelt, nicht nur hier in Deutschland, sondern auch in Holland und jetzt habe ich die ersten Kontakte zu einer ungarischen Gruppe. Und nächstes Jahr sind mehrere ungarische Gruppen und eine tschechische dabei. Also, ich bin total gespannt.



Hast du eine Idee, wie viel Tribalgruppen oder Stämme es inzwischen in Deutschland gibt?
Hat mich Scherazad auch letztens gefragt. Ich habe gesagt, ich habe nicht die leiseste Idee. Ich schätze aber, dass locker 300 oder 400 Gruppen mittlerweile in Deutschland existieren. Scharazad meinte, das wäre etwas zu viel, aber ich denke, dass das doch relativ realistisch ist. Allein, wenn ich denke, es haben sich bei mir für die nächste Tribal Show fast dreißig Gruppen angemeldet, um bei mir mitmachen zu dürfen. Also, wie gesagt, es weiß keiner genau, aber es gibt mittlerweile sehr, sehr viele. Dadurch ist auch wieder ein ganz neuer Markt entstanden: der afghanische Schmuck, der alte Schmuck, diese ganzen Berbersachen. Was ganz interessant ist, das erlebe ich also auch, über diesen Tribal erinnert man sich oder beschäftigt sich plötzlich mit den wirklich en Ursprüngen de Tänze. Also z. B. indischer Tanz oder Ghawazee oder Berbertänze oder was auch immer. Ich merke also immer mehr, dass man sagt, wir wollen ein bisschen mehr aus diesem Bereich nehmen. Wie sieht der Tanz denn wirklich aus. Und dann sucht man sich eine Lehrerin nur für diesen Tanz und dann wandele ich das dann ab für meinen Tribal.

Und zum Schluss die Frage, wie bist Du eigentlich zum Tribal gekommen?
Soll ich ganz ehrlich sein. Ich habe das erste Mal Tribal gesehen, das muss mittlerweile so ca. 6, eher 7 Jahre her sein - beim Bundesverband für orientalischen Tanz, das werde ich nie vergessen - und fand es scheußlich. Ich muss dazu sagen, das war abends spät, in einem total überfüllten, stickigen Raum. Und dann habe ich meine eigene Tanzschule eröffnet, also Tanzschule für orientalischen Tanz, also reinen Bauchtanz. Da kam eine Schülerin zu mir und hat mich gefragt, ob ich nicht Lust hätte, Tribal zu unterrichten. Erst habe ich gedacht, nee. Aber andererseits habe ich mir gedacht, ich bin ja jetzt auch Geschäftsfrau. Wenn dann so etwas kommt, beschäftige dich doch mal damit. Dann habe ich angefangen, mich damit zu beschäftigen, habe darüber auch Scherazad kennen gelernt, die das damals ja schon in Deutschland unterrichtete, hab mal ein paar Workshops besucht usw. und hab mit ein paar Mädels, die ich schon länger aus meiner Tanzschule kannte einfach angefangen. Das ist eingeschlagen wie eine Bombe. Wir hatten alle einen irrsinnigen Spaß daran. Ich habe immer weiter Workshops besucht, immer wieder neue Eindrücke bekommen, Schritte, Kombis, habe DVDs und Videos geguckt. Und dann haben wir zusammen einiges entwickelt. So bin ich dazu gekommen. Eigentlich nur, weil eine Schülerin gefragt hat. Sonst hätte es wohl noch ein paar Jahre länger gedauert. Dann waren in null Komma nichts 11 Frauen zusammen. Wir sind jetzt seit 5 Jahren und 7 Monaten zusammen. Fast alle von Anfang an dabei geblieben. Einige wenige sind weggegangen. Aber es sind auch ein paar neue nachgerückt.

Bei der Gelegenheit fällt mir noch eine Frage ein. Ich habe irgendwo gelesen: "Der Stamm ist vollständig", was heißt das?
Das heißt, dass alle Mitglieder dabei sind. Also mein Stamm besteht zurzeit aus 11 Mitgliedern und er ist vollständig, wenn alle 11 da sind.

Ich hatte das so verstanden, dass maximal vielleicht 15 Mitglieder in einen Stamm passen.
Nein. Also theoretisch kannst du mit unendlich vielen zusammen tanzen. Das ist dann eine Frage der Räumlichkeiten. Scherazad hat es in der ersten Triba Show geschafft, mit 120 Frauen zusammen zu tanzen. Im Kloster Langenwaden, wo ich ein Tribaltreffen mache, haben wir letztes Jahr mit 40 Frauen zusammen getanzt. Das war ein Wahnsinnserlebnis. Und alle verstehen die Grundsprache, und alle können zusammen tanzen.

Ich glaube, in Berlin gibt es niemanden, der Tribal macht, oder?
In Berlin, …?

Also, ich weiß, dass immer mal jemand kommt und einen Workshop anbietet. Aber von einer Gruppe habe ich bisher noch nichts gehört.
Das muss Spaß machen, egal ob man dick oder dünn, groß oder klein ist. Das kriegt man schon irgendwie passend zusammen. Bei meinem Stamm ist die jüngste 29 und die älteste wird diese Jahr 60 und wir haben von 50 kg bis 100 kg alles dabei. Jede hat ihre Qualitäten und kann die auch mit einfügen. Das passt schon, es muss nicht alles gleich groß sein und gleich dünn sein.
Ich hab' noch einen ganz großen Traum: was den Tribal anbelangt, eine Welt umfassende Veranstaltung zu machen. Also, ich habe ja jetzt angefangen mit dieser Tribal Show. Die ist ja im Prinzip schon fast europaweit, kann man sagen. Irgendwann wird sich auch mal eine Gruppe aus Frankreich, oder weiß ich woher, melden. Aber das ist wirklich ein Traum von mir, wenn z. B. Ursprungsgruppen - wenn Fat Chance, oder was davon noch existiert - aus Amerika kommen würde, aus Nordeuropa und - ich weiß in Australien gibt es Gruppen - von überall her, wenn die mal hierher kommen würden. Aber da muss ich jetzt erst einmal einen Sponsor suchen, der das alles finanziert.
Ein bisschen ist es ja jetzt auch verbreitet worden über die Belly Dance Superstars. Es ist schon irre, was die … (?) in Gang gebracht hat. Das versuchen auch viele umzusetzen. Ich persönlich kann das nicht, das ist nicht mein Ding. Aber es gibt einige Gruppen, die können das fantastisch. Das kommt hervorragend rüber, dann nicht alleine sondern in der Gruppe.

Dankeschön für das Gespräch.
Ja, dann hätte ich gern auch ein Belegexemplar für mein Tagebuch. Ich habe nämlich für die Ganeshas, das ist meine Stammgruppe, ein Tagebuch, von jedem Auftritt oder wenn bei uns im Studio irgendetwas Besonderes passiert. Das sind zwei ganz dicke Aktenordner voll. Das ist sehr interessant, was dort alles drin ist. Eine russische Zeitschrift, Bauchtanzzeitschrift, hat etwas über unseren Tribal hier geschrieben. Ich hab' es mir übersetzen lassen, das war sehr interessant.

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