 |
Aktuelles
Historisches
Kritisches
Frauen
Die Gaben der Natur
Musik
Tanz
Literatur
Malerei
Architektur
Kino
arabische Traditionen
Festivals
Austellungen
Zeitschriftenarchiv
Künstlerverzeichnis
Termine
Sitemap
Newsletter
|
Musiktheorie
|
Tarab - Höchster Musikgenuss
Ulrike-Zeinab Askari
|
|
| "Tooor, Tooor, Tooor"
gröhlt die Menge und kann sich gar nicht wieder beruhigen. "Der
Hexenkessel tobte", schreibt am nächsten Morgen die Sportredaktion
der Tageszeitung. Die Menschen in dem riesigen Stadion waren
außer sich. Auf der Tekno-Party geht's so richtig gut ab. Kaum
einer, der nicht abdreht. Ob mit oder ohne Stoff, egal. Disko,
na ja, nicht ganz so cool, aber immerhin, auch schon ganz gut.
Die Gruftis gehen lieber in die Beethoven-Symphonie oder swingen
im 50er Jahre Konzert mit. Free Jazz wäre da noch und so manche
Tanzmusik. Schließlich in trauter Zweisamkeit der Höhepunkt
des Abends, bei dem sowohl sie als auch er ihre Grenzen vergessen.
Der tödliche Verkehrsunfall des Ehemannes und die plötzliche
Nachricht, die Ehefrau bekam einen hysterischen Schreikrampf
… In vielen Situationen des Lebens kann der Mensch schlagen
die Wogen der Emotionen hoch, kochen bisweilen über, vergisst
man sich, seine Grenzen, gerät außer sich. Nicht nur im Konzertsaal.
Aber auch nicht immer und jeder Mensch. Nicht bei jedem Konzert.
Zumindest merkt die Umgebung es nicht. Wir zeigen unsere Emotionen
ja auch nicht mehr öffentlich. |
Emotionen sind ein weites Feld. Ein kleiner Teil davon soll uns hier interessieren:
Beschäftigen wir uns nur noch mit dem positiven emotionalen Zustand, den die Araber Tarab nennen. Lässt man einen Ägypter das Wort Tarab übersetzen, erhält man etwa als Antwort dass es sich dabei um einen Zustand höchsten Wohlbehagens handelt.
Um aber diesen Zustand zu erreichen, bedarf es bestimmter Voraussetzungen:
Da wären
1. auf Seiten der Ausführenden, also in unserem Falle der Musiker, so etwas wie Meisterschaft oder Perfektion,
2. auf Seiten des Rezipienten, des Empfangenden, oder Hörenden eine gewisse Vertrautheit mit den kulturellen Gegebenheiten und
3. vor allem die Offenheit für eben diesen Zustand. D.h. die Offenheit, loszulassen, sich gehen zu lassen, fallen zu lassen, Grenzen zu überschreiten.
Vermutlich gibt es noch weitere Voraussetzungen, aber ich denke
die primären haben wir genannt und wollen nun näher auf sie
eingehen. Gehen wir also auf den speziellen Fall eines Konzertes
ein, dann kommt der Tarab nur zustande, wenn der oder die Musiker
über eine gewisse Perfektion verfügen. Anfänger, die gerade
erst die Sprache der Musik erlernen oder auch Musiker, für die
Musik eher Handwerk als Kunst ist, eher Technik als ein Medium,
um eine (emotionale) Aussage zu transportieren, werden wohl
kaum in der Lage sein, ihre Hörer so sehr mitzureißen, dass
sie zum Tarab kommen. Andererseits müssen aber auch die Hörer
in ihren jeweiligen Hörgewohnheiten eingestimmt sein auf die
Musik. Sie sollten so weit mit ihr vertraut sein, dass sie die
musikalischen Feinheiten und Spitzfindigkeiten nachvollziehen
können, ihren Finessen auf die Spur kommen, das Besondere daran
bemerken können. Die Kenntnis der musikalischen Sprache ermöglicht
dem Zuhörer ja erst ein noch tieferes Eintauchen in die Musik,
ein noch tieferes (Nach)Empfinden.
So ist es nicht sonderlich erstaunlich, wenn Konzertbesucher sich unterschiedlich verhalten, da sie unterschiedliche Voraussetzungen, Hörerfahrungen und Kenntnisse über die Musik mitbringen. Gehen zum Beispiel Europäer in ein Konzert mit klassisch-arabischer Musik, in dem Takasim gespielt werden, dann werden sie vermutlich die brillante Technik des Musikers bewundern und entsprechend mit ihrem Applaus honorieren, aber sie werden kaum während des Taksims in Begeisterungsstürme ausbrechen, weil der Musiker eine außergewöhnliche Modulation gespielt und einen ganz unerwarteten Rückweg zur Ausgangstonart gefunden hat.
Andererseits wird man es auch erleben, dass ein Taksim technisch brillant gespielt ist, die europäischen Zuhörer in Begeisterung ausbrechen, die arabischen Zuhörer aber eher höflich verhaltenen Applaus zollen, weil die Darbietung des Taksims keine persönliche Note barg, keine raffinierten Wendungen oder gar nur ein von einem anderen Musiker übernommenes Taksim war. Diese unerwarteten Wendungen, raffinierten Schlenker, neuartige Modulationen also musiktechnische Feinheiten und Raffinessen sind aber eben genau das, was die arabischen Zuhörer derart zu Begeisterungsstürmen hinreist, dass sie lautstark , manchmal mehr als 4stündigen Konzert von Um Kulthoum zustande kamen. 1
Schließlich sollten die Zuhörer offen und entspannt sein, nicht verkrampft oder gar ablehnend.
Oft habe ich in diversen Konzerten afrikanischer oder arabischer Musik, aber auch lateinamerikanischer, Klezmer oder anderer beobachtet, wie die Zuhörer sich verhalten. Und wie oft ist mir aufgefallen, dass einige Menschen um mich herum (ich oft eingeschlossen) an einem Punkt des Konzertes anfangen, mit den Füssen zu wippen, den Takt mit zu klopfen, den Kopf zu wiegen oder - falls es ein Konzert open air ist - auch mehr oder weniger engagiert mitzutanzen. Während des Konzertes an den Stellen in Begeisterung auszubrechen, die eigentlich nicht dafür vorgesehen sind, gilt in unserem europäischen Kulturkreis als unschicklich und wird gar mit Unmutsäußerungen geahndet. Da ist man als Zuhörer bisweilen regelrecht hin und her gerissen zwischen dem eigenen ungetrübten Musikgenuss und dem angepassten, gesitteten Benehmen. Niemandem von uns würde es einfallen, während einer Arie in einer Mozartoper bereits ein "Da capo" (noch einmal) dazwischen zu rufen. Allerdings ist es noch gar nicht so lange her, dass auch bei uns in Europa ein aktives Musikhören durchaus üblich war. Einerseits wurde noch zu Beethovens Zeiten bei einer gelungenen Modulation2 eine Wiederholung des betreffenden Abschnittes verlangt. Andererseits wurde aber auch ungeniert und lautstark Karten gespielt, wenn das Konzert das Niveau einer Schüleraufführung nicht überstieg. Weiß man aber als Zuschauer, dass ein Aufgehen und Mitgehen nicht nur gestattet sondern sogar erwünscht sind, ist dies doch auch wiederum das größte Lob für die ausführenden Musiker, dann kann man sich verständlicherweise viel leichter "gehen lassen."
Wissenschaftlich ist das Thema schwer zu fassen, denn hier geht es um Emotionen, ihr bewusstes hervorrufen, ihre Äußerungen. Was aber sind Emotionen und wie sind sie messbar? Ganz einfach, nämlich gar nicht. Sie sind rein subjektiv. Gut, wissenschaftlich gesehen ändern sich zwar der Hautwiderstand, die Herz- bzw. Pulsfrequenz, die Gehirnströme und einiges mehr, aber das sind nicht immer Anzeichen, die der Betroffene selbst und schon gar nicht seine Umwelt wahrnehmen. Wir wollen hier aber nur und ausschließlich von den Emotionen sprechen, die für alle äußerlich gut wahrnehmbar sind. Sozusagen eine Extremsituation eines emotionalen Zustandes.
Um durch Musik emotionale Zustände hervorzurufen, bedarf es bestimmter Mechanismen. Dazu gehören das Tempo, die rhythmische Qualität und die Lautstärke der Schallreize. Fördernd für den Zustand des Tarab bzw. dessen Steigerung kann zusätzlich die Wahrnehmung der emotionalen Ergriffenheit der Umgebung sein, also ein gruppenpsychologisches Phänomen. Bei intensiver Wahrnehmung über eines unserer Sinnesorgane ergeben sich zusätzlich auch noch so genannte Synästhesien, d.h. andere Sinnesorgane werden ebenfalls erregt. Empirisch untersucht wurde davon zum Beispiel das Phänomen des "Farbenhörens". Synästhesien gehen aber meiner Meinung nach sehr viel weiter als nur bis zur Vision von Farben beim Hören von bestimmter Musik sondern bis hin zu komplexen visionären "Filmen" oder - wenn wir mal wieder archaisch werden wollen - bis hin zu Trance- und Fantasiereisen. Das umfasst sowohl die Stimmungen und Bewusstseinszustände, in die sich die Schamanen begeben, um einen Kranken zu heilen als auch die verhältnismäßig wenig komplexen emotionalen Zustände, in denen sich ein Konzertpublikum befindet, wenn es denn "abgeht".
Jeder Konzertbesucher von Rock- oder Popkonzerten wird mir bestätigen können, dass die Stimmung eindeutig immer dann mehr angeheizt wird, wenn das Tempo anzieht und die Lautstärke zunimmt. Daher finden afrikanische Trommelgruppen oder die berühmten brasilianischen Sambagruppen eben mehr Widerhall als die leiseren Töne von Bambusflöten oder Harfeninstrumenten. Bei afrikanischer besonders aber bei indischer Musik ist der Rhythmus eines der tragenden Elemente der Musik. Das Nachvollziehen von rhythmischen, oft sehr komplexen Pattern der indischen Musik hat bekanntlich viele europäische Musiker inspiriert. In der Popmusik waren es wieder zuerst die Beatles, in der Klassik der französische Komponist Olivier Messiean und einige andere. Bei den nicht ganz so komplexen Mustern der afrikanischen Trommler, die dem "Fachpublikum" ja auch nicht mehr ganz fremd sind, geht das europäische Publikum schon ganz gut mit. Die Kehrseite der Medaille ist leider oft die Anpassung außereuropäischer Musik an europäische Rhythmik und Tonalität, damit das hiesige Publikum sie eher versteht und dementsprechend auch kauft. So hat die Globalisierung leider auch bereits in das weltweite Musikgeschäft längst unaufhaltsam Einzug gehalten und seine deutlichen Spuren hinterlassen.
Nichtsdestoweniger bin ich der Meinung, dass der emotionale Zustand des TARAB in allen Musikkulturen der Welt existiert bzw. existiert hat. Es sei hier nur an die mittelalterliche Tanzwut erinnert, an dionysische und apollinische Musik der Griechen, die explizit gemacht wurde, um bestimmte emotionale Zustände hervor zu rufen, an die Gospelgottesdienste der Pfingstgemeinden, in denen die Musik das Medium ist, mit dessen Hilfe die Gläubigen Kontakt zu Gott aufnehmen, wie es auch bei den musizierenden Sufiorden gedacht ist.
Wo auf der Skala der emotionalen bzw. der Bewusstseinszustände der Tarab nun anzusiedeln ist, ist nicht immer leicht zu definieren. In der Literatur wird dieser Zustand bereits in der Bibel beschrieben. Die Menschen sind "außer sich": Aber als ich meinem Freund aufgetan hatte, war er weg und fort gegangen. Meine Seele war außer sich, dass er sich abgewandt hatte. Ich suchte ihn, …" (Bibel: Das Hohelied Salomons, 5, 6) oder "…Und als er die Zeichen und großen Taten sah, die geschahen, geriet er außer sich vor Staunen." (Apostelgeschichte des Lukas, 8,13). In weiteren Beispielen lesen wir, dass die Menschen sich bei Trauer die Kleider zerreißen oder vom Leib reißen, sich ins Gesicht oder auf den Kopf schlagen usw. Diese rituellen Emotionsbezeugungen haben sich z. B. im Irak ganz stark erhalten, wo am Todestag von Hussein, des Enkels des Propheten Mohammed, die Menschen zu seinem Grab nach Kerbala pilgern und sich dabei mit schweren Eisenketten blutig schlagen. Das ist natürlich eines der extremsten Beispiele. Abgeschwächte Formen davon haben sich im gesamten Mittelmeerraum erhalten, bei künstlerischen Darbietungen, die ursprünglich ja auch oft rituellen Charakter hatten. Da wird nur noch gekreischt, gestöhnt, bisweilen fliegen auch Gegenstände, wie z. B. bei den Griechen, die vor Entzücken Teller schmeißen.
An dieser Stelle sei erinnert an die legendären Auftritte der Beatles in der Hamburger Fabrik, als fast die gesamte Einrichtung von kreischenden Fans zerschlagen wurde. Was war das anderes als TARAB?
Egal also, ob jemand nun "Toooor" ruft oder "Allah" oder einfach nur noch kreischt, scheint es sich doch immer um denselben ekstatisch-emotionalen Zustand zu handeln, den die Araber als Tarab bezeichnen.
1 In ihrer Fähigkeit, ihr Publikum immer wieder neu zu fesseln, auf neue, bisher unbekannte Wege zu führen, liegt auch ihr Rum und Erfolg begründet.
2 von der Komposition vorgeschriebener Übergang in eine andere Tonart. Die Modulation war auch in der europäischen Musik bis zum Barock integrativer Bestandteil einer musikalischen Aufführung. In Form einer Kadenz improvisierte der Solist über eines der Themen der Komposition. |
|
 |