 |
Aktuelles
Historisches
Kritisches
Frauen
Die Gaben der Natur
Musik
Tanz
Literatur
Malerei
Architektur
Kino
arabische Traditionen
Festivals
Austellungen
Zeitschriftenarchiv
Künstlerverzeichnis
Termine
Sitemap
Newsletter
|
Literatur / Bücher
|
Michael Lüders
Im Herzen Arabiens. Stolz und Leidenschaft - Begegnung mit einer zerrissenen Kultur.
|
Herder Verlag, Freiburg/Br. 2004, 224 S., 9,90 Euro
ua
Michael Lüders, Jahrgang 1959 und geboren in Bremen, studierte in Damaskus arabischen Literatur, in Berlin Islamwissenschaft, Politologie und Publizistik. Er promovierte über das ägyptische Kino und arbeitet derzeit für die Friedrich-Ebert-Stiftung.
Sein neuestes Buch Im Herzen Arabiens. Stolz und Leidenschaft - Begegnung mit einer zerrissenen Kultur erschien im März 2004 im Herder-Verlag. Im April hatte ich die Gelegenheit, ihn anlässlich der Buchvorstellung im Auswärtigen Amt in Berlin persönlich kennen zu lernen. Trotz der etwas polemischen Diskussion mit einem nicht genannt sein wollenden Bundestagsabgeordneten, ließ sich Lüders nicht aus seiner schon fast stoischen Ruhe bringen. Das machte mich umso mehr neugierig auf seinen neuesten Thesen. |
|
Zugegeben, ein mutiges Buch. Der Westen - zwar bisweilen etwas pauschal genommen - kommt dabei nicht besonders gut weg. Da ist die Elite der Schreiberlinge, die in Lüders Augen fast ausschließlich Schreibtischtäter sind und von dem, was sie kommentieren, insbesondere, wenn es um Islam und arabische Geschichte, Politik oder Kultur geht, so gut wie gar keine Ahnung haben. Oder Lüders prangert die Einstellung "The West is best" an, mit der viele Menschen aus den USA und Europa den Arabern begegnen. Dass es immer wieder neuer Bemühungen bedarf, abhängig davon, um welches arabische Land es geht, wird am Ende seines Buches mehr als deutlich. Dass Islam nicht per se ein Schreckens- und Feindbild sein muss, dass die westlichen Vorstellungen von Globalisierung, Technisierung, Fortschritt und vor allem aktuell gerade auch Demokratisierung wie im Irak nicht einfach übertragbar sind, wird nur allzu deutlich.
Als Leser, der man schon das ein oder andere ähnliche Erlebnis hatte und sich rühmen kann, zumindest einen kleinen Einblick in die Kultur eines arabischen Landes zu haben, möchte man so manches Mal bei der Lektüre aufschreien und fragt sich, warum denn nicht so mancher verantwortliche Politiker dieses Buch als Pflichtlektüre auf seinem Nachtschrank liegen hat.
Lüders beweist sich nicht nur als Kenner der Materie, sondern er schildert auch sehr anschaulich durch die ein oder andere Begebenheit, dass im Orient die Uhren anders gehen, die Menschen anders denken, sie andere Prioritäten setzen und doch ist da der Wunsch nach Freiheit und Demokratie. Aber nicht auf Kosten der Ehre und des Stolzes.
Dass eine Gesellschaft sich durchaus den Freuden des Lebens hingeben kann und trotzdem am sittenstrengen Islam festhält, mag zwar uns Europäer mit unserem Entweder-oder-Denken befremden, ist aber wohl für arabisches Denken völlig unproblematisch. So zumindest erklärt Lüders den neueren "Trend" eines, wie er ihn nennt, hedonistischen Islam, verkündet von dem Prediger Amr Khalid, der in Ägypten anscheinend so erfolgreich ist wie einst Billy Graham. Khalids Predigten handeln immerhin von Reichtum, Erfolg und beruflichem Aufstieg als Geschenke des Himmels.
Dass es keinen Frieden im Nahen Osten geben kann, solange es keinen palästinensischen Staat gibt. Und dass es so lange immer noch Anschläge der Palästinenser geben muss, weil es für sie die einzige Möglichkeit ist, sich der Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit zu versichern. Die Versäumnisse der bundesdeutschen Politik werden fast schon eher am Rande bemerkt - auch im Kapitel, das sich mit Algerien beschäftigt und der Tatsache, dass das algerische Volk von der Weltöffentlichkeit wie von der Außenpolitik Europas und der USA vergessen wurde.
Dass von den schiitischen Führern im Irak nicht die Gefahr ausgeht, wie die meisten Europäer und Amerikaner befürchten und wie es die Geschichte ja auch für die sunnitischen Führer im Iran, die Kämpfer im Libanon usw. gezeigt hat, setzt Lüders dem Leser glasklar auseinander. Allein in der unterschiedlichen Auffassung von Religion und ihrer Ausübung zwischen Schiiten und Sunniten liegt es begründet, dass die Schiiten im Irak nicht nach politischer Macht streben.
Und bei allen Aha-Erlebnissen immer wieder das angenehme Gefühl, dass Lüders eben nicht mit dem moralisierenden Zeigefinger dasteht. Ganz im Gegenteil. Wie oft betont er, dass die Fronten leider verhärtet sind und wir "Wessis" nichts erreichen werden, wenn wir aus einer Position der Überlegenheit auf die "Okzis" zugehen. Sondern dass es zu den Grundvoraussetzungen gehört, sich zunächst einmal zu informieren, wie denn die Gepflogenheiten überhaupt sind, bevor man sich auf ein Gespräch einlässt. Dass unser europäisch-rationales Denken uns nicht wirklich weiterhilft, weil das nur dazu führt, dass man aneinander vorbei redet.
Allerdings hat Lüders weder für den gesamten Orient noch für einzelne Länder, weder für die Demokratisierung noch für den vermeintlichen Feind Islam eine Patentlösung.
Für Menschen mit einer festen Meinung zum Thema Islam oder Nah-Ost-Politik usw. sicher ein unbequemes Buch. Nichtsdestoweniger hoffe ich, dass es auf die Bestseller-Liste kommt, weil es gar nicht genug gelesen werden kann. Am liebsten hätte ich es in allen Oberstufen deutscher Schulen als Pflichtlektüre. Mit der dringenden Bitte: lasst Euch auf das Andere, das Fremde ein, auch wenn es zunächst einmal Erschreckend erscheinen mag. |
|
 |