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Literatur / Bücher
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Das Vermächtnis des Großmeisters
Nagib Machfus machte die Prosa in der arabischen Welt gesellschaftsfähig
Das Interview mit der Machfus-Übersetzerin Dr. Doris Kilias führte Christian M. Jolibois |
Der Schriftsteller und Erzähler Salim Alafenisch wurde 1948 als Sohn eines Beduinenscheichs in der Negev-Wüste geboren. Als Kind hütete er die Kamele seines Vaters, mit vierzehn Jahren lernte er lesen und schreiben. Nach seinem Abitur 1971 in Nazareth folgte ein einjähriger Aufenthalt am Princeton College in London. 1973 ging er nach Heidelberg, wo er Ethnologie, Soziologie und Psychologie an der Universität Heidelberg studierte.
Von 1984 bis 1989 war Salim Alafenisch in der Erwachsenenbildung tätig. Er veröffentliche |

Doris Kilias
Eine
Auswahl seiner Bücher
finden Sie unten! |
Al-Maqam: In der Zeitung war zu lesen, dass sie eine der wenigen Deutschen seien, die Nagib Machfus persönlich kannten. Wie und wann begegneten Sie Nagib Machfus zum ersten Mal?
Dr. Kilias: Als DDR-Bürgerin kam ich in kein arabisches Land, außer wenn ich als Dolmetscherin Delegationen begleitete. Im Jahr 1967 gab es dann für post-graduierte Studenten die einmalige Chance, für zwei Semester an die Kairoer Universität zu gehen. Ich war eine der wenigen Glücklichen, die das durften. Ich kam 1967, kurz nach dem Sechs-Tage-Krieg in Kairo an. Die Stimmung dort war niederschmetternd. Von Berlin aus war es natürlich unvorstellbar, was für eine schreckliche Atmosphäre damals vorherrschte.
Ursprünglich hatte ich vor, mich mit jungen Autoren zu befassen. Die saßen allerdings erst mal nur so da und beklagten sich über die erlittene Schmach. Einer von ihnen meinte, ich müsse unbedingt Nagib Machfus kennen lernen, der sich damals immer donnerstags, ich glaube im Café Risch, mit ihnen traf. Bei einem dieser Treffen begegnete ich ihm zum ersten Mal. Es war sehr schön, ihm zuzuhören und ihn dabei zu beobachten, wie er mit den jungen Schriftstellern ganz geduldig über deren Texte sprach und vorsichtig Ratschläge gab.
Der Sechs-Tage-Krieg hat die gesamte arabische Literatur beeinflusst, was aber nicht zu deren Schaden war. Davor wurden eher die Landflucht und der Gegensatz zwischen arm und reich in der Literatur thematisiert. Nun begann man plötzlich, über sich selbst nachzudenken. Wer sind wir und was sind wir? Was sind unsere Stärken? Haben wir überhaupt Stärken? Eigentlich eine interessante Entwicklung und für die Literatur ein fruchtbarer Impuls.
Welches Buch übersetzten Sie als erstes von Nagib Machfus?
DER DIEB UND DIE HUNDE. Als ich von Kairo wieder zurück war, fragte der DDR-Verlag Volk und Welt bei mir an, ob ich nicht Lust hätte, etwas von Machfus zu übersetzen. Der Verlag kam nicht wegen seines Namens darauf, sondern weil das Buch eine Art Kriminalroman ist. Der Markt war damals noch nicht vorbereitet für arabische Autoren.
Welches Buch von Nagib Machfus war am schwierigsten für Sie zu übersetzen?
ECHO MEINES LEBENS. Mehr als die Hälfte des Werks sind allegorische Betrachtungen eines Sufi-Scheichs über den Tod. Es dauerte eine Weile bis ich wirklich begriff, worum es ging und dass ich den Text nicht einfach wortwörtlich übersetzen konnte. Es war anfangs etwas schwer, machte aber großen Spaß.
Trafen Sie sich mit Nagib Machfus, um Übersetzungen zu besprechen?
Nein. Das wagte ich nicht bei diesem Groß- und Altmeister. In den 90er Jahren traf ich mich öfter mit ihm. Er war immer sehr erstaunt darüber, dass seine Bücher ins Deutsche übersetzt werden. Im Vergleich zu Auflagenzahlen englischer Übersetzungen, schienen ihm die Zahlen aus Deutschland wohl etwas weniger gewichtig zu sein.
Was ist über das Privatleben von Nagib Machfus bekannt?
Das blieb im Hintergrund. Seine Töchter nahmen für ihn im Jahr 1988 den Nobelpreis für Literatur in Stockholm entgegen. Nagib Machfus verreiste nicht. Dass er im Ausland gewesen sein soll, ist mir nicht bekannt. Er war nicht der Typ Mensch, der in der weiten Welt Neues entdecken möchte. Die Welt ist ein globales Dorf, in dem alle wichtigen Nachrichten jeden irgendwann erreichen. Wozu sollte er sich in Paris aufhalten, wenn er über sein altes Viertel schreibt?
Nagib Machfus soll Vorsitzender der staatlichen Zensurkommision gewesen sein ...?
Im Jahr 1959 war er Vorsitzender der Kunstzensur und im Jahr darauf Präsident der Filmaufsicht. Angesichts seiner Persönlichkeit finde ich das nicht so tragisch. Ich bin mir sicher, dass es ihm gelang, die Spreu vom Weizen zu trennen.
Wovon handelt DAS BUCH DER TRÄUME, das Sie gerade übersetzen sollen?
Ich werde es wohl übersetzen. Derzeit liegt mir nur eine englische Fassung vor, die noch mit Nagib Machfus abgesprochen wurde.
Nagib Machfus erwähnte in seiner Rede zur Nobelpreisverleihung im Jahr 1988, dass dies nicht das letzte Mal gewesen sei, dass ein arabischer Autor den Preis für Literatur bekäme. Wen könnte man heute Ihrer Ansicht nach nennen?
Da fallen mir viele Autoren ein. Adonis wurde beispielsweise in diesem Jahr als Kandidat genannt. Die arabische Welt ist so ein großer Literaturraum unterschiedlicher Länder und Generationen, die alle sehr produktiv sind.
Was brachte die Frankfurter Buchmesse, die im Jahr 2004 die arabische Welt zum Thema hatte, für die Wahrnehmung der arabischen Literatur im vermeintlichen Westen? Ist der Blick dort inzwischen nicht noch weiter fixiert und verengt auf den Islam in Verbindung mit Terrorismus?
Kurzfristig kam es zu einem Run von Seiten der Medien. Auf lange Sicht brachte die Buchmesse kaum Veränderungen hinsichtlich steigender Auflagen oder Leserzahlen. Die gegenwärtige Situation mit dem hochgeredeten Islamismus weckt allerdings das Interesse. Ich sehe das z. B. in meiner Nachbarschaft. Die Leute möchten sich über den Islam informieren und kaufen sich Bücher zu dem Thema. Oftmals wird dabei übersehen, dass man auch und gerade mit Hilfe der Belletristik viel über islamisches Denken und die arabische Mentalität erfahren kann.
Wer könnte Ihrer Ansicht nach am ehesten die Biographie über Nagib Machfus verfassen?
Die Vorarbeiten dazu sind eigentlich bereits geleistet: in Form von Interviews mit Nagib Machfus durch Gamal Al-Ghitani, dem er so eine Art geistiger Ziehvater war. (Anm.: Al-Ghitani gibt die Zeitschrift Akhbar al-Adab = ? heraus und zählt zu den bedeutendsten Schriftstellern Ägyptens.)
Was ist - abgesehen von seinen zahlreichen und preisgekrönten Werken - Nagib Machfus' Vermächtnis?
Nagib Machfus machte die Prosa in der arabischen Welt gesellschaftsfähig. Als er mit dem Schreiben begann, war dort nur die Lyrik als Kunstgenre anerkannt. Durch sein stetes Schreiben - teilweise erschien ja fast jährlich ein neues Buch von ihm - und durch seinen Erfolg natürlich, ermutigte er junge Menschen dazu, ebenfalls mit dem Schreiben zu beginnen. Schließlich war es seine Leistung, nicht nur Leseinteresse beim Publikum zu wecken, sondern auch, dass man bereit war, dafür Geld auszugeben.
Frau Dr. Kilias, ich danke Ihnen für das Gespräch.
Dr. Doris Kilias studierte Arabistik und Romanistik an der Humboldt-Universität. Sie promovierte über moderne ägyptische Kurzprosa. Ihre Habilitation behandelt die algerische Literatur. Gegenwärtig ist sie als freie Übersetzerin tätig und lebt in Berlin.
Bilder und Links: www.unionsverlag.com
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